Prof. Dr. Wolfram Schottler von der BaWiG Bildungsakademie ruft zu echter Spezialisierung im Pflegebereich auf:
In der außerklinischen Intensivpflege wird Fortbildung häufig zuerst über Stunden gedacht. Welche Formalitäten und Inhalte müssen dokumentiert sein? Diese Frage ist berechtigt, wo rechtliche und vertragliche Rahmenbedingungen Verbindlichkeit verlangen. Gleichzeitig greift diese bürokratische Sicht aber zu kurz, wenn Bildung auf das formale Sammeln von Fortbildungsstunden reduziert wird. Gerade in einem Versorgungsfeld, in dem Pflegefachpersonen komplexe Situationen einschätzen, Technik sicher beherrschen und die Lebenswelt schwer erkrankter Menschen respektieren müssen, entscheiden nicht formale Zertifikate und bloße Anwesenheit über Qualität; entscheidend ist, ob Fort- und Weiterbildung zu konkreter Kompetenz und Handlungssicherheit führt.
Die bekannte „16-Stunden-Frage“ oder gelegentliche Seminartage im Team machen dieses Spannungsfeld deutlich. Regelmäßige Fortbildung ist notwendig, und die Anforderungen aus den Bundesrahmenempfehlungen nach § 132 SGB V haben eine wichtige qualitätssichernde Funktion. Sinnvoll und effektiv wird es aber erst dort, wo aus einer Vorgabe ein Lernprozess entsteht. Eine Fortbildung erfüllt ihren Zweck nicht allein dadurch, dass sie zeitlich korrekt absolviert wurde. Sie muss einen praktischen Learning-Outcome bringen, der fachlich relevant, didaktisch durchdacht und auf den Versorgungsalltag bezogen ist.
Wenn Fortbildung vor allem als strukturelle Pflichterfüllung verstanden wird, deutet dies auf ein tieferliegendes Problem hin: Es fehlt dann auch in der Unternehmensführung oft am Qualitäts- und Bildungsverständnis: Dann werden Stunden nur als formales Alibi nachgewiesen, ohne ausreichend zu fragen, welche berufliche Kompetenz dadurch entstehen soll. Bildung wird verwaltet, aber nicht konsequent gestaltet. Für die außerklinische Intensivpflege ist das problematisch, weil Qualität nicht durch Vorgaben entsteht, sondern durch eine Unternehmensführung mit professionellem Verstehen, begründetem Handeln und reflektierter Verantwortung. Hier zeichnen sich seriöse Bildungsangebote gegenüber simulierter Bedeutung oder oberflächlichem Edutainment aus.
Gute Bildung beginnt stets mit der Frage, welche Kompetenzen Pflegefachpersonen in ihrem Berufsfeld tatsächlich benötigen. Es reicht nicht, formale Lehrpläne zu erfüllen und darauf zu vertrauen, dass daraus automatisch Wissen und sicheres Handeln entsteht. Pflegefachpersonen müssen Informationen verstehen, mit Erfahrung verbinden, Situationen einschätzen und verantwortbare Entscheidungen treffen können. Genau hier liegt der Kern kompetenzorientierter Bildung. Sie fragt nicht nur, was jemand gehört hat, sondern was jemand in einer beruflichen Situation erkennen, beurteilen und tun kann.
Eine Unterrichtseinheit zur Beatmung darf sich nicht darin erschöpfen, Einstellwerte zu erklären oder Begriffe abzufragen. Sie muss dazu befähigen, Veränderungen wahrzunehmen, Zusammenhänge zu deuten und angemessen zu reagieren. Warum verändert sich die Atmungssituation? Welche Beobachtungen sind relevant? Wann ist Rücksprache erforderlich? Solche Fragen machen aus Stoffvermittlung einen professionellen Lernprozess.
Gute Bildung braucht didaktisch dazu Fallbeispiele, Diskussion um Entscheidungslogik und Reflexion von Handlungen und Wirkungen: Fallbeispiele bringen Komplexität in den Lernraum und ermöglichen, typische und kritische Situationen zu analysieren. Entscheidungslogik hilft, nicht nur Maßnahmen zu lernen, sondern die Begründungen dahinter zu verstehen. Reflexion verbindet fachliches Wissen mit beruflicher Haltung und Ergebnisbewertung.
Praxisnähe darf nicht mit Vereinfachung verwechselt werden. Praxisnah ist Bildung nicht dann, wenn sie Inhalte verkürzt, sondern wenn sie Inhalte für den Berufsalltag anschlussfähig macht. Fachliche Tiefe entsteht durch Kontextualisierung: Ein Thema wird verständlich, wenn deutlich wird, warum es in einer Versorgungssituation relevant ist, welche Risiken bestehen und welche Handlungsmöglichkeiten daraus folgen.
Blended Learning bietet dafür Chancen: Die Effektivität von Präsenzlehre mit Übungen und Interaktionen kann durch digitale Lernanteile erweitert werden. Diese ermöglichen Flexibilität, Wiederholbarkeit und Individualisierung. Aber Blended Learning ist kein Qualitätsmerkmal an sich. Ein digitales Modul, das lediglich Folien ersetzt, bleibt didaktisch schwach oder anbiedernde Edutainment-Comics unterfordern intellektuell. Lernen entsteht nicht durch das Medium, sondern durch die Inhalte und ihre auf Kompetenzübertragung ausgerichtete didaktische Gestaltung. Deshalb braucht digitale Bildung klare Lernziele, aktivierende Aufgaben und Praxisbezug.
In guten Bildungs-Standards ist der Theorie-Praxis-Transfer von Beginn an mitgedacht. Wir fragen schon in der Konzeption von Curricula: Wo begegnet dieses Thema den Teilnehmenden im Alltag? Welche Erfahrungen bringen sie mit? Welche Unsicherheiten gibt es? Wie kann neues Wissen reflektiert handlungsleitend werden? Erst wenn diese Fragen aufgenommen und vermittelt werden, entsteht bei den Lernenden eine Entwicklung und ein Beitrag zur Qualitätssicherung.
Ein vielversprechender Ansatz liegt auch in der Akademisierung der Pflege, zum Beispiel als Atmungstherapeut. Ihr Wert liegt in der Verbindung von wissenschaftlichem Arbeiten mit praxisnahen Übungen im Skillslab und fördert Reflexionsvermögen, begründete Urteilsbildung und wissensfundierte Handlungskompetenz zu fördern. Dadurch kann sie das Berufsfeld der Beatmungspflege entwickeln und zu einem verbesserten sektorenübergreifenden Qualitäts- und Bildungsverständnis beitragen.
Gute Bildung in der außerklinischen Intensivpflege ist mehr als Pflichterfüllung. Sie verbindet fachliche Aktualität mit pädagogischer Sorgfalt, technische Sicherheit mit ethischer Sensibilität und gesetzliche Anforderungen mit gelebter Versorgungsqualität. Dort, wo das gelingt, werden Fortbildungsstunden zu effektiver Lernzeit, die tatsächlich wirkt und ein Pflegeunternehmen erfolgreich macht.
HINWEIS: Interessierte Einzelpersonen, Einrichtungen und Unternehmen können ab sofort persönliche Beratungstermine mit Prof. Dr. Schottler vereinbaren.
Die Terminabstimmung erfolgt unkompliziert unter Sprechstunde – BaWiG.


